20170425094149

«Schatz, wo hesch de Fisch ane tue?»

Eingetragen bei: Reiseblog | 4

Endlich, die Stadt St. Brieuc ist erreicht! Hatten wir sie doch schon lange im Blickfeld. Doch unzählige Fjorde und Buchten frassen unsere tägliche Marschzeit jeweils in Kürze auf. Kurz vor der Stadt wollten wir dann den Bus nehmen. Doch die Oster-Feiertage und damit die nicht fahrenden Busse hatten unsere Ankunft in der Stadt um einen Tag hinaus gezögert. In dieser Gegend fährt prinzipiell Sonntags kein Bus. Nicht mal in der Stadt. Deshalb haben wir in einem Vorort in einem Billighotel an der Autobahn übernachtet. So konnten wir dort gleich auch unsere Stromreserven auffüllen und sogar mit unseren Verwandten per Skype telefonieren. Natürlich war auch das Schlafen in einem Bett eine willkommene Abwechslung zu den Nächten im Zelt.

 

20170425094451
20170425094446
20170425094336
20170425095156

In St. Brieuc dann verblieben wir zwei Tage. Einerseits, um uns ausgiebig um unsere kleineren und grösseren Probleme zu kümmern, andererseits um die Stadt noch zu besichtigen. Unsere Probleme, sprich Astrids Matte, meine Hosen, Wanderschuhe und ein Kissen für mich, konnten wir in einem grossen Sportgeschäft vor der Stadt lösen. Auf dem stadtnahen Campingplatz liessen wir es uns dann mit Fischstäbchen, Spinat und Kartoffeln gut gehen. Wir waren an diesem Abend nach dem Essen richtig voll und leider ist auch noch ein bisschen Fisch von unserem Festmahl übrig geblieben. Ich stellte den Teller kurz ins Vorzelt und genoss dann die Zeit mit Astrid beim Musik hören. Als sie etwas später dann abwaschen wollte, staunte sie nicht schlecht: «Schatz, wo hesch de Fisch ane tue?» Der war nämlich weg. Nach kurzer Überprüfung, dass er wirklich nirgends platt unter einer Matte zu finden ist, fingen wir an zu spekulieren, welches Tier sich klammheimlich und unbemerkt an unserem Fisch verging und es sich damit ebenfalls gut gehen liess. Wir wissen es bis heute nicht 😀
Die Stadt an sich war dann etwas enttäuschend für uns, da viele Geschäfte geschlossen sind und zum Verkauf stehen. Abgesehen von einigen wenigen schönen Gebäuden gab es für uns nicht sehr viel zu bestaunen. Nach diesen zwei Tagen in der Zivilisation waren wir dann auch wieder froh, zurück in die Natur gehen zu können. Wir sind anscheinend doch schon nach kurzer Zeit etwas verwildert und menschenscheu geworden 😀
Später, im nächst grösseren Ort – Binic- am Stand trafen wir dann zum ersten Mal auf andere Schweizer! Christina und Urs, ein älteres Ehepaar. Sie fahren momentan mit ihrem Wohnmobil für mehrere Monate die bretonische Küste entlang und machen immer wieder kleinere und grössere Wanderungen auf unserem GR34. Wir kamen natürlich sofort ins Gespräch miteinander. Denn unsere Rücksäcke und Sprache machten sie neugierig. Da sie in die gleiche Richtung reisen wie wir, werden wir sie vielleicht wieder einmal treffen auf unserem Weg.

Der Tag wurde für uns dann doch länger als geplant. Nach einem fast 5-stündigen Marsch und zwei geschlossenen Campingplätze machte sich langsam die Frustration bei uns bemerkbar. War die Küste doch stark besiedelt und ein Nachtplatz in freier Natur nicht direkt in Sicht. Plötzlich sprach uns ein junger Mann über den Zaun seines Vorgartens an. Auf die Frage, ob wir einen Nachtplatz suchen, nickten wir natürlich beide. Freundlich wie er war, zeigte er uns einen schönen Platz in der Nähe zum Übernachten. Es erwartete uns ein wunderbarer Blick aufs Meer und Morgensonne. Der Abend war gerettet und wir konnten uns der Zubereitung unseres Wurstsalates widmen. Zu unserer Überraschung schenkte er uns noch einen Wein und zwei Flaschen Bier, die wir am selben Abend vor dem Schlafen genossen.

 

20170425094149
20170425093959

Am nächsten Morgen stellte Astrid mit Schrecken fest, dass es sich ein grosser Hund neben unserem Zelt bequem gemacht hatte. Mit kurzzeitigem Schnüffeln und Bellen machte es auf sich aufmerksam. Aufgrund ihrer Erfahrung auf dem Hof zu Beginn unserer Reise, fürchtete sie, dass dieser Hund herrenlos war und uns später einfach folgen würde, was natürlich etwas unpraktisch wäre für uns. Der Hund, ich nannte ihn Fabrice, war total lieb und folgte mir aufs Wort. Zivilisiert schien er also zu sein und doch nicht wild. Auch Astrid freundete sich nach kurzer Zeit mit ihm an. Und ihre Befürchtungen wurden war, als wir losliefen, kam der Hund mit. Wir überlegten schon fieberhaft, was wir mit ihm machen sollten. Am besten wir gehen im nächsten Dorf zur Polizei oder einer anderen Behörde. Aber wie macht man jemandem in einer fremden Sprache klar, dass der Hund, der einem aufs Wort gehorcht und sich so verhält als gehöre er schon immer dazu, ein fremder Hund ist? Das glaubt uns doch niemand. Das Problem löste sich dann doch spontaner als geplant einige Stunden später von selbst. Wir machten gerade an einem Strand Pause, als der Besitzer mit dem Wagen vorfuhr. Er schien den Hund Strand für Strand gesucht zu haben. Fabrice sprang in sein Auto und wir verabschiedeten uns etwas wehmütig. Auch unser Weg ging weiter.
Kurz darauf trafen wir zu unserem erstaunen erneut Christina und Urs. Hätte man sich verabredet, hätte das Treffen wohl nicht so gut geklappt. Vielleicht werden wir sie in ein paar Tagen ja wieder treffen. Wir sind gespannt.

 

20170425094221
20170425094245
20170425094318

Auf der späteren Suche nach einem Nachtplatz kamen wir an einem verlassenen Campingplatz vorbei, der nicht mehr betrieben wird. Gespannt liefen wir durch das Gelände, welches wunderbar unter grossen alten Laubbäumen lag und mit seinen geraden Flächen zur Übernachtung einlud. Doch dazu fehlte uns noch das Wasser. Leider waren die angetroffenen sanitären Anlagen alle geschlossen und es gab nirgends Wasser. Alles war unterbrochen. Deshalb schlug ich vor, beim nächsten Haus nach Wasser zu fragen, damit wir es uns anschliessend auf dem Platz gemütlich machen konnten. Denn wann hat man schon einen ganzen Campingplatz umsonst für sich allein? Beim nächsten Haus angekommen sahen wir eine ältere Dame, welche gerade ihre riesige Rasenfläche mähte. Wie sich nach kurzen holprigen französischen Brocken von uns herausstellte, konnte Christine – so stellte sie sich vor – sogar Deutsch. Zu unserer Verwunderung bot sie uns ohne zu zögern an, bei ihr im Garten zu übernachten. Als kleine Gegenleistung halfen wir ihr dann die verschwundenen Steine eines Weges in ihrem Garten wieder freizulegen. Dieser war über die Jahre völlig mit Moos und Gras überwachsen. Danach stand ihre Dusche für uns offen. Nachdem wir frisch waren, durften wir einen kleinen Apèro mit Cidre und Beilagen an der Sonne auf ihrer Veranda geniessen. Nach unserem Abendessen vor unserem Zelt im grossen Garten genossen wir den Abend bei ihr im Wohnzimmer, wo wir bei knisterndem Feuer unseren kürzlich geschenkten Wein tranken und plauderten. Wir lernten Christine als eine sehr aufgestellte und offene Frau kennen, die schon vieles erlebt hat. Astrid hing ihr richtig an den Lippen und auch ich hörte ihr gespannt zu, als sie von ihren Erlebnissen aus ihrem bewegten Leben erzählte. Sie zeigte uns auch kunstvoll gestaltete Figuren aus Keramik, welche sie in ihrer Freizeit herstellt und erläuterte uns ihre Gedanken und Geschichten dazu. In einem Nebenzimmer stand bereits ihr nächstes Projekt bereit. Neu möchte sie ein Bed&Breakfast anbieten. Es ist wirklich liebevoll eingerichtet und bei solch einer freundlichen Gastgeberin kann man sich nur wohlfühlen. Es war ein sehr schöner Abend gewesen, den wir lange nicht vergessen werden. Doch morgen führt uns der Weg weiter in neue Abenteuer.

 

20170425094948
20170425094848
20170425094816
20170425095030
20170425094352
20170425094428
20170425095146
Please follow and like us:
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter

4 Antworten

  1. Diego

    Die Pflanzen mit gelbe Blumen sind voll Stachel, oder?
    Die gibt es nämlich auch bei uns.

    Grusse!!

    • Michel

      Ja genau ! Das sind böse stachelige Pflanzen die mich immer an engen Wegstellen angreifen wollen

  2. Christine

    Hallo Astrid une Michel,
    Jetzt fällt euch…endliche ich bischen Bretagne’s Regen auf Kopf und Rucksack!!
    Ich hoffe , alles geht euch gut auf weiterem Weg… Für mich ist auch Ihre Aufenthalt in meinem Garten ein sehr angenehmes Souvenir… und die befreite Steine im Garten reden jeden Tag darüber..
    Alles gute für die folgenden Tage. Sonne sollte bald wieder..
    Herzliche Grüße
    Christine

    • Michel

      Hallo Christine
      Ja wir haben den Regen gut überstanden und sind soeben in Trégieur angekommen. Jetzt einkaufen und dann weiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.