Die erste Freiheit ist schwierig

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Wir sind nun schon 49 Tage unterwegs in der Bretagne und langsam beschleicht uns etwas das Gefühl, dass es genügt. Wir brauchen mehr. Nicht das Reisen an sich genügt, aber die Art mit dem Wandern und Zelten. Die Küste ist zwar traumhaft schön und der Weg sehr abwechslungsreich und vielfältig, dennoch haben wir im Moment irgendwie genug Natur gesehen und sehnen uns nach richtigen Türen und Fenstern. Wir leben ja wirklich schon die ganze Zeit, bis auf die seltene Ausnahme bei Noëlle, in freier Natur nur mit unseren Rucksäcken. Die winzigen Toiletten- und Duschkabinen auf den Campingplätzen, welche wir manchmal besuchen, bieten zwar einen gewissen Komfort gegenüber der rauen Natur, aber es ist eben doch nicht das Gleiche wie in unserem Fahrzeug oder Zuhause. Kommt man beim Wandern doch nur langsam vorwärts und vieles um uns herum, was ein wenig Abwechslung bringen könnte, bleibt verborgen. Denn irgendwie sieht mit der Zeit doch jeder Strand nach Strand aus und jeder Blick aufs Meer ähnlich. Auch eine Sehenswürdigkeit hier, einen Laden da, sind zwar jeweils nur wenige Autominuten von uns entfernt und doch so weit weg zu Fuss mit Gepäck. Klar sieht man täglich auf seinem Weg auch tolle Dinge die man mit dem Fahrzeug nicht zu Gesicht bekommt. Wie z.B. neulich, als wir an einem Tag unterwegs waren, an dem es nur einmal regnete. Nämlich von Morgens bis Abends. Wir hatten noch nicht lange unser letztes Nachtlager verlassen und unterhielten uns gerade über den tollen Weg, welcher erst vor kurzem komplett gemäht wurde, während die Regentropfen unaufhaltsam auf uns prasselten. Da, plötzlich regte sich vor uns etwas seitlich am Weg im frisch gemähten und liegengelassenen Gras. Klein, schwarz und echt total flauschig war das, was wir zu Gesicht bekamen. Ein Maulwurf wühlte sich genüsslich durch das liegende Gras auf der Suche nach frischer Nahrung. Wir standen da und schauten ihm einige Zeit dabei zu, bis uns der Regen dann doch wieder weiter trieb.

 

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Aber wir brauchen mehr. Auch Michel merkt meine zunehmende Unzufriedenheit und gemeinsam überlegen wir, was wir an dieser Situation ändern können. Wir haben uns zu Beginn unserer Reise mal grob das Ziel gesetzt, die Bretagne zu umwandern. Doch dieses Ziel ist nicht in Stein gemeisselt, wir können jederzeit etwas anders machen, die Richtung ändern, den Bus nehmen, oder ganz abbrechen und nach Hause fahren. Wir sind FREI. Michel geniesst diese Freiheit, von welcher er schon lange geträumt hat, in vollen Zügen, er schläft lange aus, macht gerne längere Pausen beim wandern und geniesst es, einfach zu Sein. Er ist ganz offen für spontane Plan- und Routenänderungen. Ich habe noch etwas Mühe damit, mich treibt es nach wenigen Minuten Pause wieder weiter und wenn wir irgendwo ankommen, möchte ich gleich alle meine Sachen im Zelt bereit machen. Und vor allem fällt es mir schwer, von unserem nicht in Stein gemeisselten Ziel abzukommen. Aber langsam gewöhne ich mich auch an den Gedanken, dass wir jederzeit etwas anderes machen können, wie z.B. einen Teil mit dem Bus fahren. Bisher haben wir das nur bei grossen Städten gemacht, um schnell hinein und wieder heraus zu , da dies als Wanderer doch extrem mühsam ist. Doch kürzlich in der Nähe einer Stadt ergaben sich eben mit dem Bus zwei lustige Situationen. Eine ältere Dame in einem kleinen Bus fuhr uns nach Morlaix. Auf halber Strecke wendete sie unvermittelt auf der Strasse und nachdem sie unsere verwirrten Blicke sah, erklärte sie uns, dass sie normalerweise unter der Woche die Strecke für den Schulbus fährt und am Samstag die Strecke eben etwas anders ist. Michel und ich mussten lachen, denn wir haben gerade erst am Vortag über solche gewohnheitsbedingten Verwechslungen bzw. «die Macht der Gewohnheit» im öffentlichen Verkehr gesprochen. Später dann hielt sie an einer nicht vorhandenen Haltestelle an und stieg aus. Es stieg an ihrer Stelle ein älterer Mann zu, den wir seiner grauen Haare wegen garantiert auf die 70 Jahre schätzten. Er setzte sich ans Lenkrad, neben ihm im Kindersitz platzierte er seinen etwa 5-jährigen Enkel. Er fuhr dann mit dem Bus völlig selbstverständlich die restliche Strecke nach Morlaix. Die Bretagne das Rentner Arbeitsparadies?

 

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Ein paar Tage später in Roscoff hatten wir uns schon mit dem Gedanken angefreundet, mit der Fähre über den Ärmelkanal nach Plymouth in England zu fahren, dort die Stadt zu besichtigen und dann wieder zurück nach Frankreich zu kommen. Das Angebot war sehr verlockend, da die Fähre jeweils Abend abfährt und wir so immer perfekt am Morgen zurück sein könnten. Leider mussten wir dann im Office de Tourisme erfahren, dass dieses Angebot nur in der Hochsaison genutzt werden kann, sprich im Juli und August. Während den Wintermonaten fährt die Fähre zu anderen Zeiten und nicht so oft. Dass war etwas enttäuschend für uns, da wir schon öfters irgendwo angerannt sind, weil noch «Winter» sei. Winter fragten wir uns? Ja, die hier in der Bretagne taxieren alles zwischen September und Juni als Winter und dementsprechend sind auch die Fahrpläne geschrieben. Nicht nur von der Fähre, sondern auch die der Busse usw. Auch viele Campingplätze richten sich mit den Öffnungszeiten und Tarifen nach dieser Saisoneinteilung. Dies ist natürlich wieder zu unserem Vorteil, da wir jetzt plötzlich im Winter reisen und somit in der günstigeren Nebensaison.

 

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Vor kurzem waren wir wieder einmal nach gut 3 Stunden auf der Suche nach Wasser und einem Nachtplatz, als wir direkt neben unserem Weg auf mehrere heruntergekommene Autos zuliefen. Der aufsteigende Rauch machte uns neugierig. Es waren alte Camper, ausgebaute Lieferwagen und sogar ein Lastwagen. Einer der Camper hatte sein Sonnendach aufgespannt, davor stand ein kleiner Tisch mit verschiedenen Stühlen. Auf einem davon sass eine südländische Frau mit dunklen Locken. Es lief laute Reggea Musik während sie gerade das Gemüse fürs Abendessen vorbereitete. Währenddessen tänzelte ihr Kollege um die kleine Feuerstelle herum und wendete die Poulet Schenkel. Er sah etwas verwildert aus mit seinen langen Rastalocken. Wir musterten das Lager und fragten freundlich nach etwas Wasser. Dabei kamen wir ins Gespräch mit ihnen und entschieden uns spontan, die Nacht bei ihrem Lager zu verbringen. So stellten wir unser Zelt etwas Abseits der Feuerstelle auf und während wir uns drinnen einrichteten, hörten wir draussen mehrere Autos heran fahren und lautstarke Begrüssungen. Auch wir wurden herzlich von den Ankommenden begrüsst und mit einem Bier willkommen geheissen. Es gesellten sich immer mehr Leute zu der Gruppe und der eine war schräger als der andere. Da gab es der Typ, der nur ans Kiffen dachte und als erstes zu uns meinte, in der Schweiz sei Gras günstiger zu bekommen als in Frankreich. Und die eine Frau, die für uns wie eine Mutter für alle wirkte, war irgendwie auch das Oberhaupt der Truppe , während der verwilderte Rastalocken-Typ wie der gerechte und Streit schlichtende Vater wirkte. Die immer grösser werdende Truppe stammten aus Spanien, Portugal, Italien und jemand sogar aus Tschechien. Sie waren eine grosse zusammengewürfelte Familie mit mehreren ausgebauten Fahrzeugen und diversen Hunden, die sich ganz gut miteinander verstanden, herum sprangen und spielten. Miteinander sprachen sie vorwiegend Spanisch und Französisch, wir unterhielten uns auf Englisch und etwas Französisch mit ihnen. Einer konnte sogar etwas Deutsch. So ergaben sich lustige und interessante Gespräche. Wir schauten uns natürlich die meisten Autos genauer an und erzählten ihnen von unserer Reise und dem Pinzgauer. Natürlich wollten sie auch ein Foto sehen und die Begeisterung war gross. Wir waren erstaunt über ihren Lebensstil. Während die einen schon über 10 Jahre im Fahrzeug leben und von Ort zu Ort ziehen, um dort jeweils in der Landwirtschaft mitzuhelfen, sind einige von ihnen erst «seit Kurzem» dabei. Und wiederum andere machen das zwar schon länger, gehen aber gerne zwischendurch zu den Eltern nach Hause. Es waren alle wirklich ausgesprochen freundlich und vor allem Energie geladen. Wir überlegten hin und her, wem welches Auto gehört, aber wir konnten es einfach nicht mit Sicherheit sagen. Alle gingen ganz selbstverständlich bei allen Fahrzeugen ein und als wäre es ihr eigenes. Auch das Abendessen war eine komplett chaotische und spannende Situation, an der wir teilhaben durften. Jeder kochte irgend etwas in seinem eigenen Auto und brachte es dann zum kleinen Tisch unter dem Sonnendach des vermuteten Oberhauptes. Dort durfte man sich einfach bedienen und das nehmen, worauf man gerade Lust hat. Auch wir stellten natürlich unseren bescheidenen Topf mit Sauerkraut und Speck dazu und assen fröhlich mit. Nach dem Essen verlagerte sich dann der Kreis ums Feuer. Trommel, Gitarre, Didgeridoo und andere Rhythmusinstrumente wurden hervor geholt und die schon ganze Zeit laufende Musik abgestellt. Dann wurde fröhlich um das Lagerfeuer musiziert. Als es dann dunkler wurde und es anfing zu Regnen löste sich die Gruppe langsam auf, bis auf ein paar einzelne harte Regentänzer. Einige gingen schlafen, da sie am nächsten Tag wieder auf dem Feld arbeiten mussten und andere blieben eben am Feuer. Auch wir verzogen uns in unser Zelt und hofften, dass es draussen bald etwas ruhiger wurde.
Am nächsten Tag regnete es erst recht in Strömen, doch wir bauten trotzdem unser Zelt ab, um noch einige Kilometer zu laufen. Die Autos des Lagers standen anders als am Vortag. In der Frühe hatten wir sie gehört, wie sie mit ihren Hunden draussen waren und einige arbeiten gingen. Nur noch wenige waren hier. Zwei Frauen hatten wegen des Wetters vom Bauer frei bekommen. Eine sass nun am Tisch und fertigte aus Steinen und Leder Schmuckbänder für an den Hals oder Arm an. Wir packten zusammen und wurden herzlich von ihnen verabschiedet. Es war ein aufregendes und spannendes kleines Abenteuer gewesen, bei dieser «Familie» zu übernachten. Unsere anfängliche Skepsis hatte sich schnell gelegt und wir konnten einen tollen Abend mit besonderen Menschen verbringen.
Doch unser Weg führte im Regen weiter der Küste entlang auf der Suche nach der nächsten Abwechslung.

 

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