Brest in „Sicht“

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Gewandert sind wir nun schon viel. Irgendwas um die 400-500km dürften es bald sein und doch haben wir noch immer rund 200 km Küstenweg vor uns, bis wir Brest erreichen. Auf der momentanen Touristenkarte, die wir im letzten Office erhalten haben, ist die Stadt gross links unten zu sehen. Bald haben wir es geschafft und unser Abendteuer in der Bretagne neigt sich somit langsam dem Ende zu. Doch noch liegen knapp 20 Tage vor uns, bis wir für einen kurzzeitigen Aufenthalt zurück in die Schweiz fahren, von wo aus wir dann endlich mit unserem YellowOne das lang ersehnte Island ansteuern werden. Wie wir aber nach Hause kommen, werden wir erst in den kommenden Tagen definitiv festlegen. Bis dahin geniessen wir noch die Zeit unterwegs in der freien Natur und freuen uns erst mal auf die rollende Heimat, die zu uns kommt.

 

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Michel’s Eltern haben uns nämlich vor ein paar Tagen geschrieben, dass sie nun mit ihrem ausgebauten Mercedes auch unterwegs sind und uns in den nächsten Tagen besuchen werden. Wir hoffen natürlich, dass sie sich auf der Hinfahrt genügend Zeit nehmen, um ebenfalls all die schönen Plätze an der bretonischen Küste geniessen zu können. Wir laufen ihnen bestimmt nicht davon. Wo wir sie dann genau treffen, wissen wir noch nicht. Aber wir freuen uns sehr auf ihren Besuch und hoffen dann natürlich auf einen gemütlichen gemeinsamen Abend mit leckerem Essen und einem kühlen Bier. Müssen wir spätestens seit dem letzten Post zugeben, dass uns der Komfort eines Reisefahrzeuges doch ein wenig fehlt. Das ist aber auch gut so, somit steigt die Vorfreude auf unseren weiteren Reiseverlauf noch mehr.

 

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Doch vorerst ist unsere Reise noch von Gemächlichkeit geprägt und die Natur zieht nur langsam an uns vorbei. Genügend Zeit um bei all den Gemüsefeldern zu rätseln, was hier wohl wächst. Kennen wir doch meist nur die Gemüse, wie sie in der Auslage im Supermarkt liegen. Doch wie sieht es aus wenn es wächst? Das wissen wir zugegeben oft selbst nicht. Was da also nun gerade auf dem jeweiligen Feld gedeiht, wird darum natürlich etwas genauer inspiziert. Da wächst also nun vor unseren Augen Broccoli, Blumenkohl, Zwiebeln, Artischocken, Fenchel, Kartoffeln, Karotten und noch vieles mehr. Sind es doch plötzlich die einfachen Dinge im Leben, die unser Interesse wecken und die elektronischen Unterhalter schnell in die Vergessenheit drängen. Mit der Zeit erkennen wir nun die einzelnen Sorten schon von Weitem und wir überlegen uns dann immer wieder, welch feine Gerichte sich daraus fertigen liessen und ob wir das wohl mit nur einem Gaskocher auch schaffen 😀 Und schon ist die nächste Herausforderung des Tages kreiert.

 

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Neben Gemüse entdecken wir auch immer andere Tiere. Eher oft schon kleine Hasen, die sofort in ihren Bau huschen, sobald wir uns ihnen nähern. Mit viel Geduld konnte Michel vor kurzem einige tolle Fotos machen, wie sie zwischen den Sträuchern auf unserem Weg am Gräser knabbern waren. Aber auch andere Tiere wie Vögel, kürzlich den Maulwurf und vor allem diverse Kriechtiere haben wir schon gesehen. Doch heute auf dem Weg am späteren Nachmittag huschte was völlig anderes vor uns Weg. Ich stand da und zeigte mit dem Finger darauf «Da!» Und Schwups machte sich die kleine Schlange auf den Weg ins Gebüsch. War das doch mal eine eher seltene Abwechslung zu den üblichen Tieren die wir sehen und die teilweise auch den Weg in unser Zelt finden. Spinnen, Fliegen, Ameisen und Co müssen wir nicht selten nach deren Entdeckung, welche oft mit einem Schnaufen, Murmeln, Keuchen oder ersticktem Schrei begleitet wird, von unserem Reich zurück in ihres befördern.

 

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So viele verschiedene Eindrücke regen den Entdeckergeist in uns erst richtig an und wir beginnen die gesehenen Dinge wie kleine Kinder zu hinterfragen. Dann fragen wir uns, ob die vielen regungslosen Krebse am Strand wirklich tote Krebse sind, oder nicht doch einfach leere Hüllen aus ihrem Wachstum? Oder ob der Nachtfalter am Fenster zum Aufenthaltsraum des Campingplatzes uns ebenso ansieht wie wir ihn? Oder wird der Seestern mit abgerissenem Arm, den wir in einer Pfütze zwischen den Felsen am Stand gefunden haben, sich von seinen Verletzungen erholen und weiter leben? Haben die Hummeln ebenso ein Volk und eine Königin wie die Bienen? Solche und viele weitere Fragen stellen sich uns während der Wanderung. Dinge die sich vermutlich die meisten Menschen noch nie gefragt haben oder höchsten deren Kinder. Doch für uns ist es präsent. Bewegen wir uns momentan ja täglich in einer Welt, die uns mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Es kommen durch den Tag viele Spekulationen auf, wie es wohl sein könnte. Das verkürzt das Zeitgefühl enorm und macht erst noch richtig Spass. Doch jegliche Spekulation liefert keine fixe Antwort und schlussendlich wollen wir dann doch eine abschliessende Antwort haben. Deshalb habe ich in meinem Handy angefangen, all diese Fragen aufzuschreiben. Und wehe wir haben mal wieder Internet, dann wird die moderne Errungenschaft, namentlich Google, ausgefragt bis der Akku leer ist. Doch wie erwähnt stellen sich momentan so viele Fragen, dass unsere Liste eher länger wird als kürzer. Oder wisst Ihr, ob nach dem Besuch der Hummel die Blüte leer ist, oder noch was übrig bleibt für die Nächste?
Vor kurzem haben wir auf einem Campingplatz wieder einmal Schweizer getroffen, diesmal waren es Samuel und Martina mit ihrem Sohn Laurin und dem kleinen Baby. Da Laurin ab dem Sommer in den Kindergarten geht, haben sie die Gelegenheit am Schopf gepackt und sind nun gut drei Monate mit dem ausgebauten VW Camper unterwegs.
Da sie in die andere Richtung unterwegs sind als wir, konnten wir uns gerade gegenseitig etwas «updaten» über die jeweilige bevorstehende Gegend. Denn nach Beginn unserer Reise haben wir schnell gelernt, uns jeweils auf die nächste Etappe vorzubereiten. Dies tun wir immer dann, wenn wir Internet haben. Momentan dauert bei uns eine Etappe immer von einem Lebensmittelgeschäft zum nächsten. Und dass kann schon mal mehrere Tage dauern. Ist die Welt hier in Frankreich ja nicht gerade für Wanderer wie wir geschaffen. Die Geschäfte, und vor allem solche des täglichen Bedarfes, sind meist als Ghetto ausserhalb der Dörfer angesiedelt. In den Dörfern ist meist alles seit Jahren geschlossen. Somit müssen wir lange rechcherieren wo wir das nächste Mal ohne ein Tagesmarsch an Umweg einkaufen können. Steht doch auf dem Schild im Dorf «5 min» zum nächsten Supermarkt ausserhalb, bedeutet das für uns bereits 1,5h Marsch. Da will einkaufen plötzlich gut geplant werden. So suchen wir also zuerst die Einkaufsmöglichkeiten heraus, die für uns in Frage kommen. Hier liefert Google viele Antworten oder auch die nette Dame von einem Office de Tourisme. Doch auch die Angestellten dort wissen nicht immer mit Sicherheit, ob es in den nächsten Dörfchen eine kleine Epicèrie, sprich Lebensmittelgeschäft gibt. Wenn wir wissen, wo wir als Nächstes zu unserem Essen kommen, schätzen wir dann auf der Landkarte ab, wie viele Tage wir für diese Strecke benötigen. Dann wird entschieden, was wir kochen möchten und eine Einkaufsliste wird erstellt. Am ersten Tag können wir ja jeweils etwas Frisches kochen, Gemüse und Fleisch, dass ohne Kühlschrank sonst nicht länger haltbar ist. Am zweiten Tag gibt es oft noch Würste, die gut verpackt sind, und danach werden die Menus immer einfacher. Die letzte Etappe umfasste z.B. 6 Tage. Das bedeutete, wahnsinnig viel Gepäck und gegen Ende nur noch Dosenfutter oder Suppe.

 

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Jetzt ein paar Tage später haben wir Michel’s Eltern in Landéda getroffen. Wir waren gerade in der brütenden Sonne unterwegs zum kleinen Dorfladen, als wir Rast an einem Kreisel und dessen Bushäuschen machten. Da kam kurzerhand eine SMS, dass sie mit dem Auto in wenigem Minuten ebenfalls planen im selben Dorfladen zu sein. Da unser Weg die einzige Strasse dahin war, mussten sie wohl bei uns vorbei kommen. Nach ein paar Minuten sind sie dann wirklich an uns vorbei gefahren und haben uns eingeladen. Wenn wir es geplant hätten bei einer über 2-monatigen Reise auf 10min genau uns an diesem Ort ohne jegliche Abstimmung zu treffen, wir hätten uns bestimmt verpasst. Nach einem kurzen Stopp im Dorfladen ging es dann gemeinsam weiter auf den Campingplatz. Endlich konnten wir wieder einmal an einem Tisch sitzen und ein kühles Bier geniessen  Wir machten es uns gemütlich, es gab feines Raclette und Dessert zum Nachtessen und später dann noch ein Schluck Hochprozentiges für die Herren. Wir hatten uns so viel zu erzählen, dass es schon lange dunkel war, als wir ins Bett gingen.
Da das Wiedersehen so schön war, im Gegensatz zum Wetter, blieben wir noch einen weiteren Tag auf dem Campingplatz. Wir machten uns einen gemütlichen Tag zu Viert, assen ausgiebig Frühstück mit 3-Minuten-Eier, Baguette, Milch und Saft. Ein königliches Essen im Gegensatz zu unserem sonst eher einfachen Frühstück. Später gingen wir nochmals einkaufen und am Nachmittag spazierten wir eine Weile am GR 34 entlang. Für Michel und mich war dies sehr entspannend und eine angenehme Abwechslung, mal ohne den schweren Rucksack unterwegs zu sein. Ich vertiefte mich vor allem ins Fotografieren, während Michel mit seinen Eltern angeregte Diskussionen führte übers Reisen, die Bretagne und vieles anderes.
Auch die darauffolgenden zwei Tage verbrachten wir mit seinen Eltern. Wir fuhren jeweils eine kurze Strecke der Küste entlang, wobei wir einige Stopps einlegten, um unsere Wäsche zu waschen, einzukaufen oder einfach die Aussicht zu geniessen. Auch wenn wir jeden Morgen wieder alles in unsere Rucksäcke packen mussten, genossen wir es sehr, sie einfach hinten ins Auto werfen zu können und erst am Abend wieder auszuladen. Wir waren oft schon am Nachmittag an einem neuen Platz angekommen und konnten so noch den Abend geniessen, ohne völlig erschöpft mit schmerzenden Füssen zu sein. Auch die Gesellschaft war eine angenehme und anregende Abwechslung zur Zweisamkeit. Doch so schön das Wiedersehen auch war, freuten wir uns auch wieder darauf, zu zweit weiter zu wandern. Und da wir ja schon in wenigen Tagen nach Hause fahren und sie dann auch da sein werden, war der Abschied mit vielen guten Wünschen bald vorbei und wir gingen weiter unseren Weg Richtung Brest.

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